Archive für Beiträge mit Schlagwort: Facebook

Die Debatte um die Dominanz mehr oder weniger geschlossener Ökosysteme im Internet erreicht den medialen Mainstream. Spiegel-Online-Blogger Sascha Lobo bedient sich zur Vermittlung des Phänomens, das hier etwas sperrig als „Ökosystemisierung“ bezeichnet wird, sprachbildlich bei der Umweltbewegung und meint: „Euer Internet ist nur geborgt„. Zum Einstieg liefert er gleich ein schön anschauliches Beispiel für Ökosystemisierung, wie sie auch Thema dieser Serie sind:

Ende Februar 2012 versucht ein Mitarbeiter von muenchen.de, dem offiziellen Portal der Stadt München, die eigene Facebook-Seite zu erreichen, die bis dahin unter facebook.com/muenchen zu finden war. Erfolglos. Die Seite war ohne Vorwarnung gesperrt worden. Die fast 400.000 Fans der Seite – mit einem Mal so unerreichbar wie das Internet im ICE zwischen Hamburg und Berlin.

Lobos Lösungsvorschlag – ein Loblied auf den eigenen Blog, die eigene Webseite – scheint jedoch ebenso richtungsweisend wie er unerhört bleiben wird:

[D]en Rahmen für diese digitale Gesellschaft setzen bisher nicht diejenigen, die er betrifft, sondern die Aktionäre einer handvoll kalifornischer Konzerne. Und das wiederum ist die Schuld derjenigen, die Internet sagen und Social Networks meinen, die nicht bemerken, dass sie auf Facebook, Twitter und Google Plus nur zu Gast sind. Der Weg vom Netzkonsumenten zum mündigen Digitalbürger führt nur über eine selbstkontrollierte Web-Seite, alles andere ist unterhaltsames, nützliches, schmückendes Beiwerk.

Zu bequem ist der Komfort, den plattformbasierte Ökosysteme liefern, als das eine Massenbewegung hin zu Blogs zu erwarten ist. Bleibt die Frage, was an staatlicher und privater Regulierung sinnvoll und notwendig ist, um ein Mindestmaß an Offenheit und Freiheit auch im Netzwerk der Ökosysteme zu erhalten?

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Oliver Leistert und Theo Röhle haben jüngst das Buch Generation Facebook – Über das Leben im Social Net herausgegeben. Mehrere Essays analysieren Facebook auf Herz und Nieren. Das Buch liefert m. E. eine kritische Auseinandersetzung mit Themen wie wirtschaftliche Partikularinteressen, politisches Potential, automatisierte Analyse-Tools, Privacy, Branding, Medienkompetenz, etc. So schreibt beispielsweise einer der Autoren (Mark Andrejevic) folgendes:

Wenn es den Anschein hat, dass Facebook Elemente der traditionellen Gemeinschaft wiederbelebt und verbessert, indem es Menschen ermöglicht, Netzwerke aus Klatsch, Gesprächen und Interaktionen zu erhalten und zu erweitern, dann geschieht dies unter Bedingungen, die von Marketing und Kommerz diktiert werden. Und diese Bedingungen stehen im offenen Widerspruch zum bürgerlichen Recht auf Privacy.“

Facebook wird bald eine Milliarde Nutzer zählen, d.h. dann werden sich ca. 1/7 der Weltbevölkerung auf den (geschlossenen) Facebook-Kanälen tummeln. Es bleibt abzuwarten, ob die Nutzer die wirtschaftlichen Interessen des Gründers früher oder später hinterfragen oder ob sie weiterhin freiwillig persönliche Daten, Informationen und Bilder/Videos von sich preisgeben werden. Diese Daten, Informationen und Bilder/Videos sind für viele Unternehmen viel Geld wert.

Facebook geniesst einen starken Lock-In-Effekt und wird wohl noch längere Zeit von den economies of scale profitieren. Die Herausforderung, eine kritische Masse zum Wechseln zu bewegen, wird für alternative Social Media Plattformen wie beispielsweise Diaspora ziemlich gross sein.

Aber, so Leistert und Röhle

„[.] könnte sich am Ende doch noch herausstellen, dass Facebook nicht das Ende der Internetgeschichte war, sondern nur eine (wenn auch vielbefahrene) Sackgasse.

(thomas dapp)