Archive für Kategorie: Ökosystemisierung

Das Internet mehr und mehr zu einem Netzwerk von plattformbasierten Ökosystemen. Es entstehen partiell abgeschlossene Bereiche, deren Zugang von Plattformbetreibern kontrolliert wird. Diese betonen ihre Innovationsoffenheit, Kritiker befürchten jedoch neue digitale Mauern. Wird es vor diesem Hintergrund auch in Zukunft möglich sein, dass Unternehmen unabhängig Produkte entwickeln können oder müssen sie sich Vorgaben machen lassen?

Wesentlich für den innovationsfördernden Charakter des Internets sind breiter Zugang und große Nutzungsfreiheit. Facebook, Google und Apple, aber auch Business-Anbieter wie SAP setzen durch ihre Plattformen häufig quasi-Standards bzw. entscheiden, was im jeweiligen Plattformkontext möglich ist. Das Internet wird so mehr und mehr zu einem Netzwerk digitaler Ökosysteme. Und auch in bestehenden Märkten wie dem Buchmarkt diktieren große Plattformanbieter wie Amazon mehr und mehr, wie die Branche sich entwickelt. Wie lässt sich angesichts dieser Entwicklung, die Innovationsoffenheit des Webs auch in Zukunft maximieren?

Diese Frage steht im Fokus der gemeinsamen Veranstaltung zusammen mit der Experteninitiative “Innovation im Digitalen Ökosystem” des Internet & Gesellschaft Co:llaboratory e.V. (Co:Lab) mit zwei hochkarätigen Gästen:

| Prof. Dr. Urs Gasser, Executive Director, Berkman Center for Internet & Society, Harvard University

| Dr. Jeanette Hofmann, Direktorin, Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft

Diskussionsgrundlage wird unter anderem der Policy Brief der Forschungsgruppe „The Business Web“ mit dem Titel „Schönes neues Internet? Chancen und Risiken für Innovation in digitalen Ökosystemen“ (PDF) sein.

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Auf derstandard.at findet sich ein aufschlussreiches Interview mit David Mason, Produktmanager bei Mozilla, über das neueste Projekt der gemeinnützigen Organisation Mozilla: das Mobil-Betriebssystem Firefox OS. Mit Firefox OS ausgestattete Smartphones booten direkt den Browser und arbeiten damit ausschließlich mit offenen Webstandards. Mason berichtet, dass vor allem von Seiten der Mobiltelefonhersteller großes Interesse an dem Projekt besteht, weil sie darin eine Alternative zu den bestehenden, proprietären (Apples iOS) oder halboffenen Systeme (Googles Android) sehen:

Deren Interesse besteht vor allem an dem Konzept eines App-Ökosystem, das so offen wie das Web ist. Einige dieser Unternehmen, finden es sehr schwer mit den abgesperrten Welten von Apple – und in mancherlei Hinsicht – Google umzugehen.

Ziel von Mozilla ist es, mit dem System vor allem auf jenen Märkten wie Brasilien Fuß zu fassen, die noch weit von einer Sättigung mit Smartphones entfernt sind. Für FirefoxOS entwickelte Apps sollen dann gleichermaßen im Browser und auf dem Smartphone laufen.

Obige Aussage zeigt aber auch, dass Akteure auf allen Ebenen mehr und mehr beginnen, in Ökosystemen über das (mobile) Internet nachzudenken.

„Deutschland surft amerikanisch“

Klingt irgendwie seltsam, genauso beginnt aber das durchaus pragmatische Video der Landesanstalt für Medien (lfm) in Nordrhein-Westfalen und trifft den Nagel voll auf den Kopf.

Der durchschnittliche deutsche Internetnutzer verbringt ca. 81% seiner Onlinezeit mit dem Konsum amerikanischer Contentanbieter. Die vier US-Netzgiganten Apple, Google, Facebook und Amazon, kurz „AGfa“ bringen zusammen eine Marktkapitalisierung von ca. EUR 762 Mrd. auf die Waage, das entspricht in etwa der Marktkapitalisierung der 30 deutschen DAX-Konzerne mit insgesamt EUR 784 Mrd. (Stand 04.04.2012). Europäische oder gar deutsche Internetdiensteanbieter verlieren angesichts dieser Entwicklung an Einfluss und Bedeutung im Wettbewerb um digitale Produkte, Dienste und Prozesse. Eine durchaus besorgniserregende Entwicklung.

Es ist zu beobachten, dass die vier genannten digitalen Ökosysteme trotz der unterschiedlichen Geschäftsmodelle, Erlösquellen und Kompetenzen in immer mehr Geschäftsfeldern im direkten Wettbewerb zueinander stehen. Alle haben sie aber dasselbe Ziel: Sie integrieren vielfältige digitale Inhalte, damit die Internetnutzer idealerweise das eigene Ökosystem nicht mehr verlassen müssen. Die Strategie des „walled garden“ geht auch erfolgreich auf. Alle vier sichern sich somit die eigene Marktposition, betreten zunehmend (auch) neue Geschäftsfelder um ihr Wachstum langfristig  auszubauen und setzen eigene Standards (Technologien)  durch. Letzteres sorgt für Lock-In-Effekte und steigende Wechselkosten für die Internetnutzer.

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Bei der Diskussion um die Frage „Wie offen oder geschlossen sollen Internet-Ökosysteme sein?“ wird bis dato zu wenig die Dimension eines innovationsfreundlichen Klimas betrachtet. Er wird angenommen, dass Innovationsfähigkeit und -geschwindigkeit davon abhängen, ob Entwickler von außen auf die technologischen Strukturen eines Ökosystems zugreifen können. Die Verfügbarkeit und Ausgestaltung von APIs können wichtige Hinweise geben, ob die Struktur von Ökosystemen für die Entwicklung von innovativen Anwendungen relevant ist.

Nun wollen wir diese Fragestellungen wissenschaftlich begleiten. Wir freuen uns daher sehr, gemeinsam mit der Universität Kattowitz folgende Umfrage erstellt zu haben und bitten Sie, sich einen kurzen Augenblick Zeit zu nehmen. Mit Ihren Antworten können Sie uns helfen, wichtige Erkenntnisse in dieser Hinsicht zu gewinnen und bedanken uns bereits jetzt für Ihre Teilnahme.

Die Erkenntnisse dieser Befragung werden hier im Blog veröffentlicht.

Direkt zur Umfrage.

Bereits im Eröffnungseintrag der Serie „Das ist Ökosystemisierung“ waren die strengen Bestimmungen des Apple App Stores als einzigem Zugangsportal für die iOS-Plattform Thema. Konkret verbot Apple Links auf externe Inhalte.

Im Fall des jüngsten Feature-Verbots geht es um den umgekehrten Fall: die Integration des Micropayment-Dienstes Flattr in iOS-Apps ist ebenfalls nicht erlaubt. T3n berichtet vom Fall der iPad-Podcast-App Instacast HD, die es wegen der Integration von Flattr nicht durch den Apple-Review geschafft hat:

Der Computerkonzern beharrt offenbar auf den Punkt 21.2 in den App-Store-Geschäftsbedingungen. Dort heißt es: „Die Sammlung von Spenden muss über eine Website in Safari oder per SMS geregelt sein.“ In einem Schreiben an Flattr formuliert es der Computerkonzern folgendermaßen: „Wir verstehen, dass die Auslagerung der Spenden außerhalb der App nicht die Nutzerfreundlichkeit darstellt, die Sie Ihren Nutzern bieten wollen. Allerdings ist genau dies der allgemeine Umgang mit Spenden in einer Vielzahl von iOS-Apps.“

Dass das mit Folgen für Kreative verbunden ist, zeigt das Beispiel des Podcasters Tim Pritlove, der mittlerweile substantielle Einnahmen via Flattr erzielt. Jedenfalls ist auch das wiederum ein Beispiel, wie die Präferenz des Plattformbetreibers für den eigenen, mit Einnahmen verbundenen Bezahldienst (In-App-Purchases im Fall von Apple), ein Innovationshindernis für die Etablierung neuer Bezahldienste durch Dritte bedeuten kann. Denn, wie Sascha Lobo so schön formuliert, plattformbasierte Ökosysteme sind eben bestenfalls „geborgtes Internet“.

In seinem Kommentar „Von Abstaubern und »Enablern«“ auf http://www.boersenblatt.net steuert Michael Roesler-Graichen einen Beitrag zur aktuellen Debatte bei, der einmal dem Begriff des „Verwerters“ im Zusammenhang mit der Leistung von Buchverlagen nachgeht. Er zeigt zunächst auf, wie polarisierend der Begriff allein wirken kann:

»Verwerter«! Was für ein hässliches, unelegantes, eben nicht neutrales Wort! Es hat den Charme von Abfallverwertung und liefert nur ein Zerrbild dessen, was ein Verleger tut. Aber im Streit um das Urheberrecht ist die Vokabel bestens dazu geeignet, einen Keil zwischen Autoren und Verlage zu treiben.

Der Autor beschreibt dann sehr schön, was Verlage tun, um Buch zu „machen“, also ein Werk an den Leser zu bringen. Dabei charakterisiert die Branche als „Partner, Förderer – oder, pointiert englisch: »Enabler«, Möglichmacher“.

Im Zuge seiner Begriffsanalyse schlägt er schließlich einen sehr interessanten Bogen zum Thema Ökosystemisierung. Während es im Juristendeutsch natürlich richtig ist, dass Verlage Nutzungsrechte an urheberrechtlich geschützten Werken verwerten – und damit im Idealfall nicht nur (hoffentlich) Geld verdienen, sondern auch kulturelle Werte schaffen – sind es heute eigentlich andere, die die Inhalte im Wortsinn verwerten oder besser gesagt ausschlachten. Es sind digitale Ökosysteme, die Kultur und Wissen zu Geld machen:

»Verwerter« im eigentlichen Sinn sind hingegen die großen »Player«, die Content aggregieren, um ihre Suchmaschinen und Anzeigenprogramme zu schmieren.  … Die Googles, Facebooks und Yahoos dieser Welt … sind richtig gute »Chancenverwerter«

Dabei handelt es sich um eine andere Art der Verwertung als die durch Rechteinhaber wie Verlage: Hier fehlt sowohl das Nutzungsrecht, das der Urheber des Werks übertragen hätte, als auch jegliche Investition in Entstehung und Veredelung des Inhalts. Von Urhebervergütung natürlich ganz zu schweigen! Vielmehr nutzen die Geschäftsmodelle der Ökosystembetreiber das Interesse ihrer Nutzer an den Inhalten anderer geschickt, um ihre eigenen Angebote überhaupt attraktiv zu machen. Das mag man als „kreativ“ im Sinne erfolgreicher Geschäftsmodelle ansehen – in Wirklichkeit wird die Kreativität anderer gewinnbringend für eigene Zwecke genutzt.

Daher plädiere ich mit Roesler-Graichen für eine Veränderung der Begrifflichkeiten in der Urheberrechtsdebatte. Der gesellschaftliche Beitrag der Akteure sollte sich in ihrer Bezeichnung wiederfinden, statt unterschlagen zu werden. Mit etwas Glück kommen wir dann auch zu einer Versachlichung des Diskurses… schließlich stirbt die Hoffnung zuletzt!

Thomas Schauf, Associate im Projekt „The Business Web“ und Senior Fachgruppenmanager beim Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V., hat zum Stichwort „Ökosystemisierung“ einen spannenden Policy Essay vorgelegt: „Das Internet als Netzwerk von Ökosystemen: Weniger Offenheit, mehr Konzentration?“ In der Zusammenfassung heißt es dazu:

Das Internet wird immer für sein innovationsförderndes Potential, seine Offenheit gerühmt. Was aber heißt Offenheit, wenn mehr und mehr Services in die Cloud wandern? Oder eben nicht in „die“ Cloud, sondern in viele, privatisierte Clouds, die vielleicht gar nicht miteinander kompatibel sind. Welche Folgen hat es für Innovation, wenn aus dem Internet ein Netzwerk von plattformbasierten Ökosystemen wird, in dem Plattformbetreiber die Spielregeln vorgeben? Mit dem Stichwort der „Ökosystemisierung“ versucht dieses Policy Paper diese Entwicklung des Internets zu skizzieren.

Das Papier als PDF-Download verfügbar.

 

 

Die Debatte um die Dominanz mehr oder weniger geschlossener Ökosysteme im Internet erreicht den medialen Mainstream. Spiegel-Online-Blogger Sascha Lobo bedient sich zur Vermittlung des Phänomens, das hier etwas sperrig als „Ökosystemisierung“ bezeichnet wird, sprachbildlich bei der Umweltbewegung und meint: „Euer Internet ist nur geborgt„. Zum Einstieg liefert er gleich ein schön anschauliches Beispiel für Ökosystemisierung, wie sie auch Thema dieser Serie sind:

Ende Februar 2012 versucht ein Mitarbeiter von muenchen.de, dem offiziellen Portal der Stadt München, die eigene Facebook-Seite zu erreichen, die bis dahin unter facebook.com/muenchen zu finden war. Erfolglos. Die Seite war ohne Vorwarnung gesperrt worden. Die fast 400.000 Fans der Seite – mit einem Mal so unerreichbar wie das Internet im ICE zwischen Hamburg und Berlin.

Lobos Lösungsvorschlag – ein Loblied auf den eigenen Blog, die eigene Webseite – scheint jedoch ebenso richtungsweisend wie er unerhört bleiben wird:

[D]en Rahmen für diese digitale Gesellschaft setzen bisher nicht diejenigen, die er betrifft, sondern die Aktionäre einer handvoll kalifornischer Konzerne. Und das wiederum ist die Schuld derjenigen, die Internet sagen und Social Networks meinen, die nicht bemerken, dass sie auf Facebook, Twitter und Google Plus nur zu Gast sind. Der Weg vom Netzkonsumenten zum mündigen Digitalbürger führt nur über eine selbstkontrollierte Web-Seite, alles andere ist unterhaltsames, nützliches, schmückendes Beiwerk.

Zu bequem ist der Komfort, den plattformbasierte Ökosysteme liefern, als das eine Massenbewegung hin zu Blogs zu erwarten ist. Bleibt die Frage, was an staatlicher und privater Regulierung sinnvoll und notwendig ist, um ein Mindestmaß an Offenheit und Freiheit auch im Netzwerk der Ökosysteme zu erhalten?

Lieblingsbeispiel (auch auf diesem Blog, vgl. „Link-Verbot in der iPhone-App„)  für die Gefahren (allzu) restriktiver Vorgaben durch einen Plattformbetreiber im Kontext von digitalen Ökosystemen ist Apple und dessen iOS-Plattform. Das Problem bei dieser Argumentation ist allerdings immer, dass es schwer ist zu belegen, welche Innovationen durch die engen Vorgaben gerade nicht passieren.

Eine Ahnung, welche Folgen mit zu geschlossener, unflexibler Plattformgovernance verhindert werden kann, verschafft jetzt folgendes Video, das 100 Gründe präsentiert, warum es Sinn machen könnte, bei seinem iPhone einen Jailbreak durchzuführen:

 

Auch das ist Ökosystemisierung.

Im Musikmarkt hat mit Apple / iTunes ein geschlossen wirkendes System seinen Siegeszug angetreten. Andere Plattformen haben sukzessive an Marktanteil verloren. Was sind Voraussetzungen für erfolgreiche Geschäftsmodelle und was kann man daraus für den E-Book-Markt lernen?

Wir haben dazu Tina Rodriguez befragt. Sie leitete von 2000 bis 2004 bei Sony Music Entertainment als Director eMedia & New Technologies die Aktivitäten von Sony Music im Internet und mobilen Markt in Deutschland, Schweiz und Österreich. 2005 wechselte Rodriguez als Head Of Music zur Vodafone D2 GmbH. Hier führte sie das Produktmanagement-Team und verantwortete den Markterfolg aller graphischen und Musikprodukte. Seit 2007 bietet sie mit „Digitale Medien Beratung“ strategische Beratung und Projektmanagement im Online und Mobile Entertainment Markt. Nach Veröffentlichungen zum digitalen Musikmarkt publizierte sie zuletzt mit www.literaturverkaufen.de ein Memorandum zu den Herausforderungen der Buchwirtschaft im digitalen Wandel.

Ähnlich wie jetzt im E-Book-Geschäft hat auch im Musikmarkt mit iTunes ein geschlossenes Ökosystem den Markt bereitet. Was sind die Gründe dafür?

Tina Rodriguez: Musik hören am PC war seinerzeit noch kein primärer Use Case. Aber Musik hören unterwegs, vom MP3 Player, das war eine recht weit verbreitete Nutzung. Im Musikmarkt war das Endgerät – der iPod – lange vor dem Downloadangebot von iTunes am Markt und ein erfolgreiches Abspielgerät. Die Musik kam – im Idealfall – von den auf dem PC abgespeicherten Musik-CDs. Diese Musiksammlung und deren Übertragung auf den iPod haben die meisten Nutzer nicht mit dem Dateimanager verwaltet, sondern mit der mitgelieferten Software iTunes. Mit anderen Worten: Das Gerät war schon verbreitet, die Software schnell installiert, dann erst wurde der iTunes Music-Shop in das bestehende Ökosystem hineingesetzt. Dessen Bedienung war einfach und intuitiv: Man musste keine ganze CD mehr kaufen, sondern konnte die besten Songs raussuchen. Kein Warten auf den Amazon-Kurier oder den nächsten Besuch beim Mediamarkt. CD-Rippen war nicht mehr notwendig. Keine lästige Eingabe der Kreditkarten-Details mehr (sobald man einmal mit den nötigen Daten registriert war) – einfach „klick“ und der Song ist gekauft. Nochmal „klick“ und er ist fertig zum mitnehmen. Jeder eCommerce-Anbieter weiß: eingesparte Klicks sind Geld wert, je kürzer der Klickpfad zum Kauf ist, um so mehr Umsatz macht ein Produkt. Den Rest des Beitrags lesen »