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“Wir wissen, was sie morgen tun werden.“ Dieser Satz stammt zwar nicht von der NSA, sondern aus der Chefetage der „Fair Isaac Corporation“, er zeigt aber dass die Mechaniken unbeschadet der Absicht – zivile oder militärische Nutzung – im Kern gleich sind.

Unter dem Stichwort Big Data werden Daten aggregiert und genutzt. Diejenigen, die die Daten erheben haben allesamt ihren eigenen Grund dies zu tun. Bspw. die Online-Werbewirtschaft erhebt Daten, um das Produktinteresse der Nutzer vorhersagen zu können, um gezieltere Werbung ausliefern zu können. Geheimdienste erheben wiederum Daten, um den eigenen Auftrag zu erfüllen – im vorliegenden Fall die Verhinderung von möglichen terroristischen Aktivitäten. Der Wunsch zu wissen, was wir morgen tun werden ist allgegenwärtig.

Was hat das jetzt mit Ökosystemisierung zu tun? Zu Zeiten der Volkszählung sind die Menschen bei einem Angriff auf ihre Freiheit auf die Strasse gegangen und auch heute tun es Menschen noch und kämpfen für ihre Freiheit; bestes Beispiel ist Istanbul. Im Bezug auf den NSA-Skandal wird die Reaktion aber überschaubar bleiben. Es wird keinen Sturm der Entrüstung geben, denn was kann die Masse tun? Demonstrationen vor der NSA-Zentral etwa, dürfte nicht das Mittel der Wahl sein. Auch sich dem Internet zu entziehen, führt an der Realität vorbei. Auch werden es vor allem amerikanische Angebote sein, die genutzt werden. Und hier setzt der Beleg für Ökosystemisierung an:  Die Lock-In Effekte der globalen Ökosystemen wie Google, Facebook, Apple & Co. sind schon so stark, dass es eben kaum Alternativen gibt und Nutzer schlicht nicht wechseln können bzw. wollen. Sie sind schon zu stark an die US-Plattformen gebunden.

Auch wenn es populär ist an der Stelle auf die Datensammelwut der Unternehmen abzustellen, ist es an dieser Stelle deplatziert. Datenschutz und Datenpolitik sind immer ein Spiegelbild soziokultureller Entwicklungen. Das Unternehmen aus den USA schlicht eine andere Mentalität haben, als europäische bzw. deutsche Unternehmen ist eine Binsenweisheit. Die Erkenntnis wird dadurch aber nicht falsch. Wir müssen in Europa erkennen, dass Datenschutz mittlerweile ein standortpolitisches Thema geworden ist. Diese Erkenntnis kommt zur Zeit in den Debatten in Brüssel um ein europäisches Datenschutzrecht noch zu kurz. Für den europäischen Binnenmarkt und für die Sicherheit der Nutzer wird es darauf ankommen, dass innerhalb Europas  für ausländische und europäische Anbieter die gleichen rechtlichen Rahmenbedingungen gelten.

Dieses dann existierende Level-Playing-Field ist nicht nur wirtschaftlich bedeutsam, sondern stärkt auch die Position Europas als Rechtsraum im internationalen Kontext. Ein belastbarer Rechtsrahmen hilft das Vertrauen in die Internetwirtschaft zu stärken. Dieses Vertrauen darf aber nicht durch staatliches Handeln unterwandert werden. Erst recht nicht von Demokratien, die das Freiheitsideal als schützenswerte Monstranz vor sich hertragen. Diese Werte werden durch die Aktivitäten der NSA denen auf dem Silbertablett serviert, die nicht die westlichen Wertvorstellungen teilen. Die also eher zynisch sich die westliche Welt zum Vorbild machen und den Freiheitsdrang ihrer Einwohner zumindest kontrollieren, meist aber blockieren. Das wäre dann ein faktisch negativer Effekt der Ökosystemisierung.

Was zeigt uns das Ganze?  Es bedarf recht zügig einer breiten, öffentlichen und vor allem internationalen Wertediskussion.

In der Internetwelt entstehen immer wieder neue Themen und Begriffe. Einer der neueren ist „The Business Web“ – es zu systematisieren und urbar zumachen ist eines unserer Anliegen. Während mittlerweile jeder Nutzer ein Verständnis von Social Web und Mobile Internet hat, dürfte es für Business Web schon schwieriger sein.

Dennoch hat es das Thema in das Programm des diesjährigen IT-Gipfel geschafft. Der Gipfel findet am 06.12.2011 in München statt. Das Forum 1 steht unter dem Titel „Vom Social Web zum Business Web: Wie gelingt Deutschland der Sprung in die Web-Wirtschaft?“

Allein die Umsätze von Google und Amazon häufen sich auf zusammen 57 Mrd. EUR im Jahr 2010. Damit erwirtschaften zwei Konzerne knapp 50 Prozent dessen, was die Internetbranche in Deutschland gesamt auf die Beine stellt. Ohne Wertung sehen wir, dass der volkswirtschaftliche Nutzen der gesamten Internetwirtschaft enorm hoch ist. Gleichzeitig findet das Gros der Umsätze nicht in Europa und Deutschland statt. Bleibt also die Frage, ob es mit neuen Feldern auch neue Wertschöpfungsketten entstehen, die dann „hier“ verortet werden können, so dass der gesamtwirtschaftliche Vorteil noch weiter gesteigert werden kann.

Vor diesem Hintergrund sind die Leitfragen sehr interessant:

Leitfragen, denen im Micro-Talk von Bundesminister Dr. Rösler mit jungen IT-Unternehmern sowie in der Podiumsdiskussion nachgegangen werden soll sind:

  • Wie verändern sich Wertschöpfungsstrukturen durch das Web? Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Wertschöpfungsketten auf die Industrie?
  • Nutzt die deutsche Wirtschaft diese Chancen? Wie ist Deutschland bei der Nutzung neuer webbasierter Anwendungen aufgestellt?
  • Welche Rolle spielen junge deutsche IKT-Unternehmen? Warum wachsen deutsche IKT-Unternehmen nicht schneller? Gibt es IKT-spezifische Wachstumshemmnisse? Wie können Politik und Wirtschaft dem (im IT-Gipfel) begegnen?
  • Nutzen deutsche Unternehmen bereits die gesamte Bandbreite neuer interner und externer Kommunikationsmöglichkeiten, wie das Social Web oder Apps?

Bleibt zu hoffen, dass auch die Antworten entsprechend aufschlussreich sein werden…

Google lädt am 24.11.2011 zum DatenDialog in die Berliner Kalkscheune ein. Für viele könnte die vermeintliche Wandlung vom Saulus zum Paulus auf größeres Interesse stoßen (zumindest in einer vagen externen Betrachtung). Auf jeden Fall ist die gebotene Bühne so attraktiv, dass man über bestehende unterschiedliche Sichtweisen kurz hinwegblickt. Alles in allem unstrittig ist die Bedeutung des Themas Datenschutz für alle Bereiche der digitalen Welt.

Chancen, Risiken und Lösungen rund um das Thema Daten und Privatsphäre im Internet sowie die jeweilige Verantwortung der einzelnen Akteure beschäftigt Nutzer und Netzwirtschaft, Politik und Datenschützer wie kaum ein anderes netzpolitisches Thema.

Hiermit laden wir Sie herzlich ein, an unserer eintägigen interaktiven Veranstaltung „DatenDialog“ teilzunehmen und zusammen mit hochrangigen Vertretern aus Wirtschaft, Politik, Regulierung und Zivilgesellschaft diese zentrale gesellschaftliche Frage vor allem praxisnah zu diskutieren.

Ein Blick auf die Agenda wirft allerdings am Ende die Frage auf, wie Datenschutz international harmonisiert werden kann. Letztlich können wir alles tun, Nutzer aufklären, Produkte einfacher erklären, Politikern das Internet erklären, aber wenn es nicht gelingt eine (möglichst) weltweite verbindliche Regelung für den Datenumgang zu treffen, wird es immer wieder Insellösungen geben, hinter die sich entweder Anbieter oder auch Nutzer zurückziehen können.

Aber vielleicht gibt der Workshop 3 unter dem Titel „Ansätze zu einer modernen Datenschutzregulierung – Neue Regeln für eine neue Datenwelt?“ passende Antworten.

(Thomas Schauf)