Plattformbetreiber werden auf Offenheit setzen

Bei der Etablierung digitalen Lesens spielt die Benutzungsfreundlichkeit für den Leser eine herausragende Rolle. Das betrifft sowohl die Bedienbarkeit der Endgeräte und Plattformen als auch die einfache Zugänglichkeit der entsprechenden Buchkataloge. Überhaupt dürfte “Convenience” derzeit die wichtigste Qualität eines Angebots sein. Das iPad wurde nicht deshalb zum Bereiter und Marktführer einer eigenen Gerätekategorie, weil es etwa über ungezählte Schnittstellen und vielfältiges Zubehör verfügte, sondern gerade weil es sich im Funktionsumfang bewusst beschränkt und so einen Massenmarkt anspricht, der nicht technikverliebt ist, sondern auf Bequemlichkeit setzt.

Daneben hat sich gezeigt, dass die Verschränkung von Plattform und Endgerät – also Lesegerät und Inhalt aus einer Hand, verbunden mit einfachem Bezahlvorgang – es dem Nutzer leicht macht, Inhalte zu erwerben. Der integrierte Inhalteshop dürfte in aller Regel bevorzugt werden, obwohl der Import anderweitig erworbener Titel in aller Regel möglich ist. Allerdings sind dabei Systembrüche deutlich spürbar, so dass Geräte ohne komfortabel angebundenen Inhalteshop ebenso wie Inhalteplattformen losgelöst von Geräten eine schwierigere Position im Markt zu haben scheinen. Kritik an der Beschränkung des Nutzers und des eingeschränkten oder anderweitig kontrollierten Zugangs zum Ökosystem für Fremdanbieter („Geschlossenheit“) scheint also nicht stets mit dem tatsächlichen Konsumentenentscheidungen gleichlaufend zu sein.

Diese als geschlossen empfundene Beschränkung beschreibt den status quo eines in den Kinderschuhen steckenden Marktes von Endgeräten und digitalen Inhalten für Leser. Digitiale Leser nutzen regelmäßig nur über ein Endgerät schwerpunktmäßig zum Lesen undverfügen über eine nur langsam steigende Anzahl digitaler Inhalten. Gerade Entwicklungen bei Consumer-Elektronik sollten jedoch in Generationen betrachtet werden. Leistungsfähigkeit und Funktionen von Geräten werden in kurzen Zyklen verbessert, und gleichzeitig sind Preise im Massengeschäft verhältnismäßig gering. Der Umstieg der Nutzer auf die nächste oder übernächste Geräte-Generation ist also nur eine Frage der Zeit. Spätestens dann stellt sich für viele Kunden die Frage, ob ihre Inhalte auf das Nachfolge-Gerät (ggf. eines anderen Herstellers) übertragen und weiter genutzt werden können. Für viele sind Bücher klassische “Einmal-Güter”, gleichwohl ist der Wunsch nach einer dauerhaften Nutzbarkeit unabhängig vom zuvor verwendeten Gerät nachvollziehbar. Genau dieses Kundenbedürfnis hat in der Vergangenheit digitale Musikshops dazu gezwungen, Inhalte nur noch ohne Digitales Rechtemanagement (DRM) – also ohne Vorkehrungen für eine Gerätebindung oder Beschränkung der Kopierbarkeit – zu verkaufen. Genau in solchen Wechsel-Konstellationen wird dem Kunden eine etwaige Einschränkung seines Nutzungsumfangs bewusst. Sobald der Nutzer dies als Beschränkung empfindet, die gefühlt nicht im Einklang mit dem gezahlten Preis steht, wird er sie nicht akzeptieren.Portale mit einem Angebot von Büchern in standardisierten Formaten, die auf einer Mehrzahl von Geräten nutzbar und damit hoch kompatibel sind, genießen daher einen Wettbewerbsvorteil. Gleiches gilt für Geräte, die es auf einfache Weise erlauben, Inhalte unabhängig von ihrer Quelle zu integrieren. Überall dort, wo bei langfristig stärkerer Nutzung von E-Books eine zu strikte Geschlossenheit von Systemen die Nutzungsfreundlichkeit beeinträchtigt, wird Offenheit zunächst zu einem Differnzierungskriterium und Erfolgsmerkmal, später zum Standard werden.