„Deutschland surft amerikanisch“

Klingt irgendwie seltsam, genauso beginnt aber das durchaus pragmatische Video der Landesanstalt für Medien (lfm) in Nordrhein-Westfalen und trifft den Nagel voll auf den Kopf.

Der durchschnittliche deutsche Internetnutzer verbringt ca. 81% seiner Onlinezeit mit dem Konsum amerikanischer Contentanbieter. Die vier US-Netzgiganten Apple, Google, Facebook und Amazon, kurz „AGfa“ bringen zusammen eine Marktkapitalisierung von ca. EUR 762 Mrd. auf die Waage, das entspricht in etwa der Marktkapitalisierung der 30 deutschen DAX-Konzerne mit insgesamt EUR 784 Mrd. (Stand 04.04.2012). Europäische oder gar deutsche Internetdiensteanbieter verlieren angesichts dieser Entwicklung an Einfluss und Bedeutung im Wettbewerb um digitale Produkte, Dienste und Prozesse. Eine durchaus besorgniserregende Entwicklung.

Es ist zu beobachten, dass die vier genannten digitalen Ökosysteme trotz der unterschiedlichen Geschäftsmodelle, Erlösquellen und Kompetenzen in immer mehr Geschäftsfeldern im direkten Wettbewerb zueinander stehen. Alle haben sie aber dasselbe Ziel: Sie integrieren vielfältige digitale Inhalte, damit die Internetnutzer idealerweise das eigene Ökosystem nicht mehr verlassen müssen. Die Strategie des „walled garden“ geht auch erfolgreich auf. Alle vier sichern sich somit die eigene Marktposition, betreten zunehmend (auch) neue Geschäftsfelder um ihr Wachstum langfristig  auszubauen und setzen eigene Standards (Technologien)  durch. Letzteres sorgt für Lock-In-Effekte und steigende Wechselkosten für die Internetnutzer.

Viele Angebote werden preis-aggressiv angeboten oder sogar quer-subventioniert (z.B. Kindle von Amazon) um möglichst viele Marktanteile für sich zu gewinnen. Probleme bekommen hingegen alle anderen neuen oder etablierten kleineren (Nischen-)Anbieter mit Internetdiensten. Entweder sie werden selbst auch zu Ökosystemen oder sie docken sich an der Peripherie der Etablierten an und bedienen die Internetnutzer mit ergänzenden oder neuen Internetdiensten entlang der Wertschöpfungsnetze. Freilich ist mit beiden Strategien Geld zu verdienen, aber die neuen Marktakteure geraten durch die dominierende Wettbewerbsstellung und den vorhandenen Kundenstamm in dreistelliger Millionenhöhe der Etablierten unter enormen Druck.

Hier stellt sich die Frage, ob dies nicht auch Auswirkungen auf zukünftiges Innovationsverhalten im Internet hat. Natürlich werden viele der Internetdienste der benannten digitalen Ökosysteme bisher nur auf dem amerikanischen Markt angeboten, aber es ist nur eine Frage der Zeit bis diese Produkte und Dienstleistungen auch auf dem europäischen und deutschen Markt gelangen. Generell besteht die Gefahr, dass ein Großteil des Medienkonsums, des Entertainments oder des Angebots an sozialen, webbasierten Netztechnologien weitgehendst durch amerikanische Netzgiganten angeboten werden.