Wenn Tim Carmody auf wired schreibt „Amazon didn’t happen to your local independent bookstore; America happened to your local bookstore”, spricht er davon, dass nicht ein Unternehmen bzw. dessen Erfolg für den vielbeschworenen Untergang stationärer Buchhandlungen in den USA verantwortlich ist, sondern eine ganze Reihe von Faktoren, die aufgrund ihrer Komplexität und Tragweite mit dem Schlagwort „Verdrängungswettbewerb“ nicht zu erfassen sind. Tatsächlich befindet sich der stationäre Buchhandel in den USA zurzeit bekanntlich in einer schweren Krise; der Absatz von Büchern im Internet – seien sie gedruckt oder elektronisch – steigt dagegen stetig.

Dass auch in Deutschland der Online-Buchhandel seit einigen Jahren im Verhältnis zu anderen Vertriebswegen wächst, wird niemanden überraschen. Dabei spielen große Content-Anbieter wie Apple und Amazon natürlich eine wichtige Rolle. Müssen wir deshalb nun ebenfalls das Verschwinden der Buchhandlung um die Ecke fürchten? Bedeutet daher gar die Einführung des E-Book langfristig den Untergang des stationären Buchhandels in Deutschland? Oder haben wir es doch mit einer komplexeren Fragestellung zu tun?

Es gibt durchaus Faktoren, die dafür sprechen, dass die Entwicklung in Deutschland eine andere sein wird als in den USA. Schon das flächendeckende Netz von Buchhandlungen sowie die außerordentlich effiziente Logistik der Großhändler, die Buchhändlern hierzulande zur Verfügung steht, geben ein ganz anderes Bild des stationären Buchhandels ab als dies jenseits des Atlantiks der Fall ist. Im Internet dagegen sind es hier wie dort die US-basierten Content-Plattformen, die den Verbraucher für ihren Shop, ihr Endgerät und ihre Dienste – also für ihr Ökosystem – gewinnen wollen.

Ronald Schild, Geschäftsführer des Branchendienstleisters MVB (Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels GmbH) sieht eine Entwicklung hin zu geschlossenen Ökosystemen im Contentvertrieb mit Sorge, da er fürchtet, große Teile des Handels könnten ausgeschlossen werden. Zudem beobachtet er einen Trend zur vertikalen Rückwärtsintegration darin, dass Vertriebsplattformen bereits versuchen, die Funktion von Verlagen übernehmen. Beide Entwicklungen, fürchtet er, könnten zu einer Verengung des kulturellen Raums führen:

Wir haben zur Zeit eine Vielzahl von über 20,000 Verlagen und Selbstverlagen, die in Deutschland publizieren sowie rund 5000 Buchhändler. Diese Diversität garantiert kultrelle Vielfalt. Es gibt spezialisierte Buchhändler und Nischenprodukte. Wenn das alles wegfiele, wäre das kulturelle Leben deutlich ärmer.

Gleichzeitig sieht Schild große Chancen für den stationären Buchhandel in Deutschland, auch im digitalen Zeitalter zu bestehen. Die Bevorratung gedruckter Bücher parallel zum Angebot digitaler Produkte in Kombination mit der Beratungsleistung des Buchhandels betrachtet er als „riesen-Vorteil“ gegenüber reinen online-Plattformen. Es sieht also möglicherweise doch nicht so düster aus mit den Zukunftsaussichten deutscher Buchhandlungen, sofern sie ihr Angebot entsprechend ausbauen und die Kunden in ihre Räumlichkeiten locken.

Tim Carmody stellt für die USA fest, dass die Existenz der großen Plattformen in den USA nicht automatisch bedeutet, dass eine vielfältige Buchhandelslandschaft sterben muss:

We can (and do) have co-operative stores owned and operated by their patrons; we can (and do) have specialty stores where specific communities can come together, grouped by literary taste or politics or sexuality or genre; we can (and do) have new models of self-publishing, both print and digital, flourishing outside the boundaries of Amazon or any of the other emerging giants of distribution.

Entscheidend ist in USA wie in Deutschland die Fähigkeit zur Entwicklung. In Carmody’s Worten: „literary culture […] needs to evolve„. Ronald Schild verweist auf die Vertriebs-Technologie, die sein Unternehmen dem deutschen Buchhandel bereits zur Verfügung stellt und hofft, dass die Chance zur Teilhabe am E-Book-Markt sowie am Internet-Handel ergriffen wird. Denn dies könnte die Chance des stationären Handels sein, sich in der digitalen Welt zu behaupten und damit auch ein Stück kulturelle Vielfalt in Deutschland zu bewahren. Ein Verdrängungswettbewerb wäre dann nicht zu befürchten.