Archive für den Monat: Dezember, 2011

Wenn Tim Carmody auf wired schreibt „Amazon didn’t happen to your local independent bookstore; America happened to your local bookstore”, spricht er davon, dass nicht ein Unternehmen bzw. dessen Erfolg für den vielbeschworenen Untergang stationärer Buchhandlungen in den USA verantwortlich ist, sondern eine ganze Reihe von Faktoren, die aufgrund ihrer Komplexität und Tragweite mit dem Schlagwort „Verdrängungswettbewerb“ nicht zu erfassen sind. Tatsächlich befindet sich der stationäre Buchhandel in den USA zurzeit bekanntlich in einer schweren Krise; der Absatz von Büchern im Internet – seien sie gedruckt oder elektronisch – steigt dagegen stetig.

Dass auch in Deutschland der Online-Buchhandel seit einigen Jahren im Verhältnis zu anderen Vertriebswegen wächst, wird niemanden überraschen. Dabei spielen große Content-Anbieter wie Apple und Amazon natürlich eine wichtige Rolle. Müssen wir deshalb nun ebenfalls das Verschwinden der Buchhandlung um die Ecke fürchten? Bedeutet daher gar die Einführung des E-Book langfristig den Untergang des stationären Buchhandels in Deutschland? Oder haben wir es doch mit einer komplexeren Fragestellung zu tun?

Es gibt durchaus Faktoren, die dafür sprechen, dass die Entwicklung in Deutschland eine andere sein wird als in den USA. Schon das flächendeckende Netz von Buchhandlungen sowie die außerordentlich effiziente Logistik der Großhändler, die Buchhändlern hierzulande zur Verfügung steht, geben ein ganz anderes Bild des stationären Buchhandels ab als dies jenseits des Atlantiks der Fall ist. Im Internet dagegen sind es hier wie dort die US-basierten Content-Plattformen, die den Verbraucher für ihren Shop, ihr Endgerät und ihre Dienste – also für ihr Ökosystem – gewinnen wollen.

Ronald Schild, Geschäftsführer des Branchendienstleisters MVB (Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels GmbH) sieht eine Entwicklung hin zu geschlossenen Ökosystemen im Contentvertrieb mit Sorge, da er fürchtet, große Teile des Handels könnten ausgeschlossen werden. Zudem beobachtet er einen Trend zur vertikalen Rückwärtsintegration darin, dass Vertriebsplattformen bereits versuchen, die Funktion von Verlagen übernehmen. Beide Entwicklungen, fürchtet er, könnten zu einer Verengung des kulturellen Raums führen:

Wir haben zur Zeit eine Vielzahl von über 20,000 Verlagen und Selbstverlagen, die in Deutschland publizieren sowie rund 5000 Buchhändler. Diese Diversität garantiert kultrelle Vielfalt. Es gibt spezialisierte Buchhändler und Nischenprodukte. Wenn das alles wegfiele, wäre das kulturelle Leben deutlich ärmer. Den Rest des Beitrags lesen »

Am Dienstag, den 20. Dezember 2011 besuchten wir Prof. Steffen Staab, den Gründer und Leiter des Instituts WeST (Web Science and Technologies) an der Universität Koblenz-Landau. Gemeinsam gingen wir der Frage nach, inwieweit das Internet als Netzwerk von Ökosystemen Innovationen im Web beeinflusst und welche Herausforderungen in Hinsicht auf die sog. Ökosystemisierung des Internet  für die Zukunft bestehen.

Prof. Staab sieht in Ökosystemisierung keine Schließung des Netzes vor der breiten Maße von Entwicklern. Facebook und Android gehören ja im klassischen Sinne zu offenen Systemen, obwohl man in ihnen auch Eigenschaften von Ökosystemen erkennen kann. Das Problem liegt seiner Meinung nach darin, dass die Betreiber von solchen Systemen von ihrer Größe überproportional profitieren. Als einen möglichen Grund dafür nannte er fehlende Gesetzgebung, die das Recht auf eigene Daten bestimmen würde. Die Mitnahme eigener Daten aus solchen Systemen sollte deutlich vereinfacht werden. Nur so ist ein offenes Wettbewerb mit den Web-Riesen möglich. Darüber hinaus wies er darauf hin, dass es sich oft aufgrund der zu milden Strafen für die großen Netzbetreiber lohnt, die Datenschutzgesetze zu missachten. Seiner Meinung nach müsste sich diesbezüglich auf der Seite der Gesetzgebung auch Einiges ändern.

Der zweite Politikbrief 2011 des Verbands für Internetwirtschaft e. V. (eco) beschäftigt sich mit dem „Fundament der Internetwirtschaft“ – der Netzneutralität. Politisch war Netzneutralität im ablaufenden Jahr ein großes Thema. Nicht nur in der Bundestagsenquete „Internet und Digitale Gesellschaft“ wurde fleißig diskutiert, auch bzgl. der Novelle des Telekommunikationsgesetz war die Debatte um Netzneutralität zentral. Im Politikbrief schreibt der Vorstandsvorsitzender der eco, Prof. Michael Rotert, sogar von Netzneutralität als „entscheidender Erfolgsfaktor für die deutsche Internetwirtschaft“.

Der Brief beginnt mit einer kurzen Einführung und Begriffsbestimmung, sowie dem zentralen Konfliktpunkt:

Wegen der ständig wachsenden Datenmengen, die weltweit transportiert werden, stellen einige Marktteilnehmer das bisherige Erfolgsmodell des Internet in Frage. Ist es nicht legitim, wenn die Netzbetreiber von den größten Datenversendern Gebühren fordern? Stecken nicht völlig neue Geschäftsmodelle darin, einen ununterbrochenen Hochgeschwindigkeitstransport zu ermöglichen?

Dies alles hat aber auch eine Kehrseite: Möglicherweise scheitern brillante Ideen daran, dass ohne Millionenkapital nur die Kriechspur für sie frei bleibt. Die Zulassung von Premium-Datenwegen könnte zudem dazu führen, dass ins Jedermann-Netz nicht weiter investiert wird. Und öffnet man nicht das Tor dafür, Wettbewerber aus dem Geschäft zu drängen, indem man ihren Inhalten den Transport verweigert?

Der vierseitige Brief enthält u. a. ein Experteninterview mit Prof. Dr. Bernd Holznagel, Professor für Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität Münster, der gar bei einem Bruch der Netzneutralität die Gefahr eines Zwei-Klassen-Internets sieht: „Werden bestimmte Kommunikationsinhalte beim Transport blockiert oder erheblich verzögert, sind die öffentliche Meinungsbildung und der Grundsatz der kommunikativen Chancengleichheit berührt.“

Auch Politiker aller im Bundestag vertretenden Fraktionen kommen zu Wort. Dr. Peter Tauber (CDU) und Jimmy Schulz (FDP) betonen, dass eine „ungerechtfertigte Verschlechterung von Diensten und eine ungerechtfertigte Behinderung oder Verlangsamung des Datenverkehrs in den Netzen zu verhindern [sei]“ (Tauber), aber dass eben dies am besten durch einen „transparenten Markt“ (Schulz) geregelt werden kann. Die Oppositionsparteien sehen das anders und fordern eine gesetzliche Festschreibung der Netzneutralität. „Die Bundesnetzagentur soll in die Lage versetzt werden, Verstößen entgegenzuwirken“ (Martin Dörmann, SPD), damit „sachlich ungerechtfertigte Eingriffe“ (Dr. Konstantin von Notz, Bündnis 90 / Die Grünen) gegen die Netzneutralität unterbleiben. Halina Wawzyniak (Die Linke) betont, dass „vor allem junge Start-Ups“ darauf angewiesen sind,  „Zugänge gleicher Qualität für und zu ihren Kunden vorzufinden“.

Das kryptische Kürzel HADOPI, das sich außerhalb Frankreichs und der urheberrechtsinteressierten Community wohl (immer noch) Wenigen erschließt, stand im Mittelpunkt einer Veranstaltung der Gesellschaft der ehemaligen ENA-Schüler bei der DGAP Berlin. Die Zusammensetzung des Podiums versprach – und hielt dieses Versprechen! – einen spannenden Abend: Der Haupt-Verfasser des französischen Gesetzestextes diskutierte mit einem ausgewiesenen Experten der deutschen Rechtssituation; ergänzt wurde das Podium durch den – je nach Geschmack –  frischen Wind eines Vertreters der Piratenpartei.

Obgleich es für eine abschließende Bewertung noch zu früh ist, scheint doch das Three-Strikes-Verfahren seine Effizienz zu zeigen: Auf 700.000 Ermahnungen per E-Mail (erste Stufe) folgen lediglich 70.000 Ermahnungen per Einschreiben, zu denen sich dann nur ein relativ geringer Prozentsatz der Sanktionsmechanismen der dritten Stufe gesellt.

Wie immer man auch den institutionellen Aufbau der französischen Regelung bewertet (aus deutscher Sicht würde dem Aufbau einer zusätzlichen Behörde – deren Aufbau in Frankreich aber bewußt als Puffer oder Blackbox gewählt wurde – wohl eher zunächst eine Selbstregulierungsinstanz der Wirtschaft vorgeschaltet): Hier verbinden sich der pädagogische Effekt der sequentiell gesteigerten Intensität der Nutzeransprache mit einem klar definierten regulatorischen Effekt der Wahrung der Urheberrechte. Es liegt nicht fern, die Vorzüge der französischen Lösung gegenüber einem One-Size-Catches-All-Ansatz deutscher Prägung zu erkennen.

Unklar scheint die Position der „Piraten“: Selbst in der ureigenen Domäne des Urheberrechts verbinden sich unklar abgegrenzte liberale Elemente mit Versatzstücken altlinker Prägung. Eine ganz eigene Mischung, die genügend Stoff für Diskussionen bildet.

https://dgap.org/de/node/20028