Den besseren Titel für einen Eintrag zu diesem Thema hatte bereits Nico Lumma weggeschnappt: „Vom Internet zum Netzwerk der Ökosysteme„. Anlässlich der Vorstellung von Amazons neuem Tablet „Kindle Fire“ (siehe obiges Video) skizziert Lumma, wie sich das Internet durch die Dominanz von Plattformen in immer mehr Bereichen verändert:

Das Interessante ist doch, daß Google, Facebook, Amazon und Apple gigantische Ökosysteme geschaffen haben, die Wertschöpfung im Zentrum haben, aber durch Schnittstellen mehr oder weniger offen nach Außen hin sind. […] Diese neuen Ökosysteme sorgen dafür, daß sie große Zahlen von Nutzern an sich binden, dann bieten sie Dritten den Zugang zu diesen Nutzern an und profitieren dadurch, entweder weil Dritte von den Nutzern gewollte Dienstleistungen erbringen oder Inhalte liefern, oder schlicht weil Dritte für den Zugang zu den Nutzern bezahlen.

Für Unternehmen ist mit dieser Entwicklung verbunden, dass sie es ohne Zugang zu einem dieser Ökosysteme immer schwerer haben werden, potentielle Kunden zu erreichen. Aus Nutzerperspektive ist mit diesen Ökosystemen eine Vereinfachung verbunden. Lumma:

Der Computer mit seinem Betriebsystem wird immer weniger sichtbar, sondern das Ökosystem steht im Vordergrund. Die Einfachheit ist allerdings verbunden mit einer engeren Verknüpfung mit einem Ökosystem und es wird in Zukunft immer schwieriger werden, sich aus dem Lock-In eines Ökosystem zu befreien, weil es eben so schön praktisch und einfach ist.

Am Ende seines Beitrags drückt Lumma seine diesbezügliche Skepsis in Form einer, wenn nicht der entscheidenden Frage bezüglich der Zukunft des Internets aus: „Schöne neue Welt?“

Manche, wie Timothy B. Lee von Forbes, sehen das so. Lee sieht im Kindle Fire einen „Triumph von Open Source“ und glaubt, dass im Internet der Ökosysteme mehr Wettbewerb herrschen wird, als im Markt für PCs nachdem Microsoft die Vorherrschaft erlangt hatte:

Things are different now because both the browser and OS markets are becoming dominated by open source software. In the browser market, the two fastest-growing browsers—Safari and Chrome—are both built on top of WebKit, an open source project started by Apple. And now Amazon’s new browser, called Silk, is also built on WebKit. It’s unlikely Amazon would have entered the browser market if they’d had to build a browser from scratch.

Solange also Plattform-Technologien wie Browser oder das Android-Betriebssystem Open Source bleiben, ist Wettbewerb sichergestellt. Harvard-Jurist Jonathan Zittrain ist diesbezüglich schon skeptischer. Im Blog zu seinem 2008 erschienen Buch „The Future of the Internet and How to Stop it“ (PDF), geht Zittrain auch auf genau diesen Trend zum Wettbewerb der Ökosysteme ein:

So how about competition between platforms? Doesn’t that keep each competitor honest, even if all the platforms are curated? I suppose: the way that Prodigy and CompuServe and AOL competed with one another to offer different services as each chased subscribers. (Remember the day when AOL members couldn’t email CompuServe users and vice versa?) That was competition of a sort, but the Internet and the Web put them all to shame — even as the Internet arose from no business plan at all.

Zittrain befürchtet also, dass die Zukunft des Internet in einem Zurück zu geschlossenen Ökosystemen besteht, in denen Plattformbetreiber all jene Innovationen aussperren, die ihren Geschäftsmodellen auf irgendeine Weise gefährlich werden könnten: „No p2p, no alternate email clients, browsers with limited functionality.“ Womit wir wieder bei Nico Lummas Frage wären: Schöne neue Welt?

(leonhard dobusch)