Archive für Beiträge mit Schlagwort: Das ist Ökosystemisierung

Bereits im Eröffnungseintrag der Serie “Das ist Ökosystemisierung” waren die strengen Bestimmungen des Apple App Stores als einzigem Zugangsportal für die iOS-Plattform Thema. Konkret verbot Apple Links auf externe Inhalte.

Im Fall des jüngsten Feature-Verbots geht es um den umgekehrten Fall: die Integration des Micropayment-Dienstes Flattr in iOS-Apps ist ebenfalls nicht erlaubt. T3n berichtet vom Fall der iPad-Podcast-App Instacast HD, die es wegen der Integration von Flattr nicht durch den Apple-Review geschafft hat:

Der Computerkonzern beharrt offenbar auf den Punkt 21.2 in den App-Store-Geschäftsbedingungen. Dort heißt es: „Die Sammlung von Spenden muss über eine Website in Safari oder per SMS geregelt sein.“ In einem Schreiben an Flattr formuliert es der Computerkonzern folgendermaßen: „Wir verstehen, dass die Auslagerung der Spenden außerhalb der App nicht die Nutzerfreundlichkeit darstellt, die Sie Ihren Nutzern bieten wollen. Allerdings ist genau dies der allgemeine Umgang mit Spenden in einer Vielzahl von iOS-Apps.“

Dass das mit Folgen für Kreative verbunden ist, zeigt das Beispiel des Podcasters Tim Pritlove, der mittlerweile substantielle Einnahmen via Flattr erzielt. Jedenfalls ist auch das wiederum ein Beispiel, wie die Präferenz des Plattformbetreibers für den eigenen, mit Einnahmen verbundenen Bezahldienst (In-App-Purchases im Fall von Apple), ein Innovationshindernis für die Etablierung neuer Bezahldienste durch Dritte bedeuten kann. Denn, wie Sascha Lobo so schön formuliert, plattformbasierte Ökosysteme sind eben bestenfalls “geborgtes Internet”.

In seinem Kommentar „Von Abstaubern und »Enablern«“ auf http://www.boersenblatt.net steuert Michael Roesler-Graichen einen Beitrag zur aktuellen Debatte bei, der einmal dem Begriff des „Verwerters“ im Zusammenhang mit der Leistung von Buchverlagen nachgeht. Er zeigt zunächst auf, wie polarisierend der Begriff allein wirken kann:

»Verwerter«! Was für ein hässliches, unelegantes, eben nicht neutrales Wort! Es hat den Charme von Abfallverwertung und liefert nur ein Zerrbild dessen, was ein Verleger tut. Aber im Streit um das Urheberrecht ist die Vokabel bestens dazu geeignet, einen Keil zwischen Autoren und Verlage zu treiben.

Der Autor beschreibt dann sehr schön, was Verlage tun, um Buch zu „machen“, also ein Werk an den Leser zu bringen. Dabei charakterisiert die Branche als „Partner, Förderer – oder, pointiert englisch: »Enabler«, Möglichmacher“.

Im Zuge seiner Begriffsanalyse schlägt er schließlich einen sehr interessanten Bogen zum Thema Ökosystemisierung. Während es im Juristendeutsch natürlich richtig ist, dass Verlage Nutzungsrechte an urheberrechtlich geschützten Werken verwerten – und damit im Idealfall nicht nur (hoffentlich) Geld verdienen, sondern auch kulturelle Werte schaffen – sind es heute eigentlich andere, die die Inhalte im Wortsinn verwerten oder besser gesagt ausschlachten. Es sind digitale Ökosysteme, die Kultur und Wissen zu Geld machen:

»Verwerter« im eigentlichen Sinn sind hingegen die großen »Player«, die Content aggregieren, um ihre Suchmaschinen und Anzeigenprogramme zu schmieren.  … Die Googles, Facebooks und Yahoos dieser Welt … sind richtig gute »Chancenverwerter«

Dabei handelt es sich um eine andere Art der Verwertung als die durch Rechteinhaber wie Verlage: Hier fehlt sowohl das Nutzungsrecht, das der Urheber des Werks übertragen hätte, als auch jegliche Investition in Entstehung und Veredelung des Inhalts. Von Urhebervergütung natürlich ganz zu schweigen! Vielmehr nutzen die Geschäftsmodelle der Ökosystembetreiber das Interesse ihrer Nutzer an den Inhalten anderer geschickt, um ihre eigenen Angebote überhaupt attraktiv zu machen. Das mag man als „kreativ“ im Sinne erfolgreicher Geschäftsmodelle ansehen – in Wirklichkeit wird die Kreativität anderer gewinnbringend für eigene Zwecke genutzt.

Daher plädiere ich mit Roesler-Graichen für eine Veränderung der Begrifflichkeiten in der Urheberrechtsdebatte. Der gesellschaftliche Beitrag der Akteure sollte sich in ihrer Bezeichnung wiederfinden, statt unterschlagen zu werden. Mit etwas Glück kommen wir dann auch zu einer Versachlichung des Diskurses… schließlich stirbt die Hoffnung zuletzt!

Die Debatte um die Dominanz mehr oder weniger geschlossener Ökosysteme im Internet erreicht den medialen Mainstream. Spiegel-Online-Blogger Sascha Lobo bedient sich zur Vermittlung des Phänomens, das hier etwas sperrig als “Ökosystemisierung” bezeichnet wird, sprachbildlich bei der Umweltbewegung und meint: “Euer Internet ist nur geborgt“. Zum Einstieg liefert er gleich ein schön anschauliches Beispiel für Ökosystemisierung, wie sie auch Thema dieser Serie sind:

Ende Februar 2012 versucht ein Mitarbeiter von muenchen.de, dem offiziellen Portal der Stadt München, die eigene Facebook-Seite zu erreichen, die bis dahin unter facebook.com/muenchen zu finden war. Erfolglos. Die Seite war ohne Vorwarnung gesperrt worden. Die fast 400.000 Fans der Seite – mit einem Mal so unerreichbar wie das Internet im ICE zwischen Hamburg und Berlin.

Lobos Lösungsvorschlag – ein Loblied auf den eigenen Blog, die eigene Webseite – scheint jedoch ebenso richtungsweisend wie er unerhört bleiben wird:

[D]en Rahmen für diese digitale Gesellschaft setzen bisher nicht diejenigen, die er betrifft, sondern die Aktionäre einer handvoll kalifornischer Konzerne. Und das wiederum ist die Schuld derjenigen, die Internet sagen und Social Networks meinen, die nicht bemerken, dass sie auf Facebook, Twitter und Google Plus nur zu Gast sind. Der Weg vom Netzkonsumenten zum mündigen Digitalbürger führt nur über eine selbstkontrollierte Web-Seite, alles andere ist unterhaltsames, nützliches, schmückendes Beiwerk.

Zu bequem ist der Komfort, den plattformbasierte Ökosysteme liefern, als das eine Massenbewegung hin zu Blogs zu erwarten ist. Bleibt die Frage, was an staatlicher und privater Regulierung sinnvoll und notwendig ist, um ein Mindestmaß an Offenheit und Freiheit auch im Netzwerk der Ökosysteme zu erhalten?

Lieblingsbeispiel (auch auf diesem Blog, vgl. “Link-Verbot in der iPhone-App“)  für die Gefahren (allzu) restriktiver Vorgaben durch einen Plattformbetreiber im Kontext von digitalen Ökosystemen ist Apple und dessen iOS-Plattform. Das Problem bei dieser Argumentation ist allerdings immer, dass es schwer ist zu belegen, welche Innovationen durch die engen Vorgaben gerade nicht passieren.

Eine Ahnung, welche Folgen mit zu geschlossener, unflexibler Plattformgovernance verhindert werden kann, verschafft jetzt folgendes Video, das 100 Gründe präsentiert, warum es Sinn machen könnte, bei seinem iPhone einen Jailbreak durchzuführen:

 

Auch das ist Ökosystemisierung.

Ein Merkmal von Ökosystemisierung ist die bisweilen enge Verschränkung von Hardwareplattform und Anwendungs- bzw. Diensteebene. Bücher, die im iTunes-Store gekauft wurden, können nicht so ohne weiteres auf anderen Geräten gelesen werden. Das führt zu der grotesken Situation, das ein in Apples iTunes-Store gekauftes Buch nicht auf einem MacOS-Computer gelesen werden kann, sondern dafür ein iOS-Gerät – iPad, iPod oder iPhone – benötigt wird (vgl. Macworld).

Mit der Verbreitung von Internet-fähigen Fernsehgeräten hält Ökosystemisierung aber noch stärker Einzug ins Wohnzimmer. Denn nur weil ein Fernseher ans Internet angeschlossen ist, bedeutet das noch lange nicht, dass damit auch jede Online-Videothek angesteuert werden kann. Das Internet am Fernseher unterscheidet sich also vom Internet am PC – und zwar nicht nur in der Bedienung, wie Michael Schidlack vom Branchenverband Bitkom kürzlich gegenüber den Westfälischen Nachrichten erläutert hat:

‘Es handelt sich bei den meisten Herstellern daher nicht um freies Internet wie auf einem PC, bei dem sich beliebige Seiten aufrufen lassen’, sagt Schidlack. Welche Onlinevideothek zur Verfügung steht, hänge von den Verträgen zwischen TV-Hersteller und Inhalteanbietern ab.

Bleibt die Frage, ob es überhaupt angebracht ist, angesichts solcher Knebelverträge von “Internet-fähigen” Fernsehern zu sprechen. Denn mit dem klassischen Internet hat ein Gerät nicht mehr viel zu tun, das nur in bestimmten Ökosystemen surfen kann. AOL lässt grüßen.

Bei Telepolis schildert Peter Köllner anschaulich und ausführlich seine Erlebnisse beim Versuch, seine Bibliothek gegen E-Books am Kindle zu tauschen („Adieu, Kindle“). Seine Probleme begannen, als er nicht nur im amerikanischen sondern auch im spanischen Amazon-Store einkaufen wollte. Im Unterschied zu herkömmlichen Büchern und Zeitschriften entpuppte sich dabei das Eigentum an ihren elektronischen Pendants als weit weniger dauerhaft:

Kurz darauf öffnete Amazon seinen Shop in Spanien, wo ich auch relativ schnell ein paar spanischsprachige Werke fand, die mich interessierten und die es bei Amazon.US nicht zu kaufen gab. Wenn man mit einem in den USA registrierten Kindle in einem der anderen nationalen Amazon-Läden etwas kaufen will, dann bekommt man als erstes eine Dialogbox serviert, die einen darüber aufklärt, dass man zum Kauf irgendwelcher eBooks dort seinen Kindle zu eben diesem Laden umregistrieren muss. Wenn man dem zustimmt, sieht man eine zweite Informationsbox, die einen darüber informiert, dass man damit sämtliche vorhandene Subskriptionen beendet – und zwar einschließlich des Rechts, auf zurückliegende Ausgaben zuzugreifen. Das fand ich einen geradezu haarsträubenden Eingriff in meine informationelle Freiheit – und das habe ich natürlich abgelehnt.

Ein Wechsel des Amazon Stores killt also die digitale Bibliothek. Nicht gerade rosige Aussichten. Interessant auch die Auszüge aus der Korrespondenz mit dem Amazon Kundendienst, die Köllner in seinem Artikel präsentiert:

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In der Serie “Das ist Ökosystemisierung” versuchen wir dem etwas sperrigen Begriff durch kurze, anschauliche Beispiele Leben einzuhauchen. Dahinter steckt die Überzeugung, dass der Trend zur Ökosystemisierung die Eigenschaft des Internet als Inkubator und Katalysator für Innovation grundlegend verändert.

Es ist nur eine kleine Randnotiz in der ersten Ausgabe der Zeitschrift c’t des Jahres 2012 mit der Überschrift “c’t auf dem iPhone”. Die c’t ist eine der größten und wahrscheinlich die seriöseste Computerzeitschrift Europas für den Massenmarkt und wird herausgegeben vom Heise-Verlag mit Sitz in Hannover.

In dieser Randnotiz über die kostenlose App “c’t Viewer” heißt es dort wie folgt:

“Die App hätte eigentlich in der Miniaturansicht unter den Artikeln antippbare c’t-Links enthalten sollen, wurde jedoch von Apple deswegen abgelehnt. Apple verbietet in seinen Richtlinien Links auf ‘externe Mechanismen für Käufe oder Abonnements, die sich in der App verwenden lassen’ und hat dem Verlag nahegelegt, doch Kauf- oder Abo-Funktionen einzubauen, sogenannte In App Purchases, an denen Apple mitverdient. Die Argumentation des Verlages, dass die verlinkten Seiten keine Kauffunktion haben und nicht einmal auf den Abo-Shop verweisen, konnte Apples Reviewer nicht umstimmen. So enthält die App bis auf Weiteres keine Links.”

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