Archive für den Monat: Oktober, 2011

Oliver Leistert und Theo Röhle haben jüngst das Buch Generation Facebook – Über das Leben im Social Net herausgegeben. Mehrere Essays analysieren Facebook auf Herz und Nieren. Das Buch liefert m. E. eine kritische Auseinandersetzung mit Themen wie wirtschaftliche Partikularinteressen, politisches Potential, automatisierte Analyse-Tools, Privacy, Branding, Medienkompetenz, etc. So schreibt beispielsweise einer der Autoren (Mark Andrejevic) folgendes:

Wenn es den Anschein hat, dass Facebook Elemente der traditionellen Gemeinschaft wiederbelebt und verbessert, indem es Menschen ermöglicht, Netzwerke aus Klatsch, Gesprächen und Interaktionen zu erhalten und zu erweitern, dann geschieht dies unter Bedingungen, die von Marketing und Kommerz diktiert werden. Und diese Bedingungen stehen im offenen Widerspruch zum bürgerlichen Recht auf Privacy.“

Facebook wird bald eine Milliarde Nutzer zählen, d.h. dann werden sich ca. 1/7 der Weltbevölkerung auf den (geschlossenen) Facebook-Kanälen tummeln. Es bleibt abzuwarten, ob die Nutzer die wirtschaftlichen Interessen des Gründers früher oder später hinterfragen oder ob sie weiterhin freiwillig persönliche Daten, Informationen und Bilder/Videos von sich preisgeben werden. Diese Daten, Informationen und Bilder/Videos sind für viele Unternehmen viel Geld wert.

Facebook geniesst einen starken Lock-In-Effekt und wird wohl noch längere Zeit von den economies of scale profitieren. Die Herausforderung, eine kritische Masse zum Wechseln zu bewegen, wird für alternative Social Media Plattformen wie beispielsweise Diaspora ziemlich gross sein.

Aber, so Leistert und Röhle

„[.] könnte sich am Ende doch noch herausstellen, dass Facebook nicht das Ende der Internetgeschichte war, sondern nur eine (wenn auch vielbefahrene) Sackgasse.

(thomas dapp)

Es ist mehr als ein Sturm im Wasserglas: Google plant ein eigenes Glasfaser-Projekt in Europa. Auch wenn noch keine Details bekannt geworden sind, trägt die folgende Aussage einiges an Brisanz in sich:

During a meeting at the French Industry Ministry, Drummond said that Google was ‘looking very closely’ at a potential project in Europe, without specifying where this project would be launched or when.

Seit Jahren wird gefordert, dass endlich die weißen Flächen in Deutschland und Europa mit Internet versorgt werden. Viele gehen davon aus, dass LTE-Mobilfunknetze diese Lücken zufriedenstellend schließen wird. Aber unabhängig davon, ob, wie und wann eine ausreichende Versorgung in Europa gegeben ist, irritiert es doch, dass Google sich gerade in Europa engagieren will. Nicht die eigentliche Meldung, dass Google außerhalb der USA zum Internet Service Provider (ISP) werden möchte ist relevant, sondern es stellt sich die Frage: Warum in Europa?

Vielleicht gibt folgende Aussage eine Antwort:

But it also has ISPs that filter content on behalf of copyright holders and those that seek to get providers like Google to pay for the privilege of accessing the end consumer.

Natürlich gibt es unterschiedlichste Gründe, warum Google sein eigenes Netz aufbauen will. Interessant ist der Gedanke dennoch: Wenn also Verlage und Verwertungsgesellschaften gemeinsam mit den bisherigen ISPs dafür Sorgen wollen, dass Google für den Transport der Inhalte zahlen soll, dann verwundert der Gedanke nicht, dass Google sich unabhängig macht und damit selbst zum ISP wird. Es wird allerdings spannend sein, wie sich das Thema Netzneutralität in solch einer neuen Marktsituation entwickeln wird.

Kommt nun die neue Generation von ISPs auf den Markt? In den USA benötigte Google für sein Projekt in Kansas City etwa zwei Jahre. Diese Erfahrung wird dazu führen, ein Projekt in Europa deutlich schneller zu realisieren. Es wäre mehr als wünschenswert, dass in Zukunft Unternehmen, Schulen, Verwaltungen – also die gesamte Gesellschaft – vom schnellen Internet profitieren kann. Und vielleicht ist diese Meldung der notwendige Ruck, damit etablierte ISPs und Inhalteanbieter deutlich intensiver in den weiteren Ausbau ihrer Infrastruktur bzw. Geschäftsmodelle investieren, statt sich und die Politik mit Nebelgefechten aufzuhalten.

(valentina kerst)

[Update] In der letzten Woche ist Google Fiber in Kansas an den Start gegangen[/Update]

Netzneutralität lautete das Thema der 13. Sitzung der Enquete-Kommission Internet und Digitale Gesellschaft des Deutschen Bundestags. Paradox war dabei, wenn man dem Bericht Falk Lükes auf heise.de glauben darf, dass sich alle Beteiligten in ihrer Befürwortung von Netzneutralität einig waren, sich gleichzeitig aber in ihrem Verständnis von Netzneutralität deutlich unterschieden:

“Strittig blieb die Frage, was mit Netzneutralität genau gemeint ist. So herrschte keine Einigkeit, ob und wenn ja welche Diensteklassen möglich oder unmöglich sind.”

Dass dann auch noch Uneinigkeit darüber herrschte, wie welche Netzneutralität auch immer sicherzustellen sei, ist da nur folgerichtig.

Für eine Forschungsgruppe zum Thema “The Business Web” ist diese definitorische Uneinigkeit nicht unproblematisch. Denn das Problem “Was ist Netzneutralität?” ist mit wissenschaftlichen Methoden nicht zu lösen. Fragen, die mit “Was ist” eingeleitet werden, sind zumindest Popper zu Folge nämlich nicht wissenschaftlich beantwortbar. Das bedeutet aber klarerweise nicht, dass sich keine wissenschaftlichen Fragen über Kämpfe um definitorische Deutungshoheit formulieren lassen. So ließe sich beispielsweise die Frage empirisch untersuchen, wie zentrale – politische, wirtschaftliche und zivilgesellschaftliche – Akteure Netzneutralität in jüngsten öffentlichen Debatten definiert haben.

Wahrscheinlich ist das sogar ein erster notwendiger Schritt, um dann konkrete Handlungsempfehlungen für Regulierung bzw. Nicht-Regulierung bestimmter Aspekte von Netzneutralität zu entwickeln. Den Rest des Beitrags lesen »

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.